Das Ensemble musikFabrik sowie zahlreiche Gäste werden an diesem Wochenende ( 8. und 9. Mai, jeweils zwischen 12 und 24 Uhr) Karlheinz Stockhausens Zyklus KLANG, in dem er die 24 Stunden des Tages vertonen wollte, erstmals komplett aufführen. In neun verschiedenen Spielstätten in Köln werden unterschiedliche „Stunden“ zu hören sein, unter anderem im Praetorium, der geschichtsträchtigsten Spielstätte des Festivals. Ein Beitrag von Jörg Wehner (Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Köln)
Über frühere Heimat gehen wir oft hinweg, vermissen sie daher leicht, oft schmerzlich, statt ihr auf den Grund zu gehen und damit einen Grund zu bekommen. Grund wofür? Womöglich für alte, wieder gewonnene oder neue Heimat, ehe wir meinen, den Boden unter den Füßen weggezogen zu bekommen.
der grund
die steine liegen
im klaren wasser
das hat seinen grund alles verschwamm
als sie sanken
und aufwühlten was
sie auffing zeitweise war
nicht mehr zu sehen
der grund
In Köln laufen wir über altes römisches Gelände, das diesem Volk vor über 2.000 Jahren zur Heimat wurde. Wir haben damit auch eine römische Heimat, selbst wenn wir sie nicht annehmen. Aber die Überreste machen es deutlich, denen wir begegnen.
touristen
der vorübergehende trifft
das bleibende
das vorübergehen
bleibt
Beispiel Praetorium, der alte römische Statthalterpalast, das größte und ehrgeizigste Gebäude der Römer entlang des Rheins. 1953 von Bauarbeitern bei Ausschachtungsarbeiten für den Wiederaufbau des Spanischen Baus entdeckt, ist es unter dem Rathaus Bestandteil der Archäologischen Zone. Unterirdisch wird hier Geschichte begangen, wir kehren heim in die Zeit, als Kaiser mit Namen Augustus, Claudius, Trajan, Hadrian, Silvanus, Marcus Cassianus oder Konstantin die Welt regierten.
Das Praetorium ist Aufführungsort am 8. und 9. Mai 2010, für einen Part aus KLANG, Karlheinz Stockhausens letztem, unvollendet gebliebenem Zyklus, der bei der diesjährigen MusikTriennale in Köln erstmals komplett aufgeführt wird. Den Zuhörern schlägt hier an beiden Tagen ab 12 Uhr jeweils die 19. Stunde des Tages mit dem Titel „Urantia“. 2007 komponierte Stockhausen das Stück für Sopran und Elektronische Musik. Das Konzert im Praetorium arrangiert der Klangregisseur Paul Jeukendrup (Tonband), der auch für Stockhausen früher arbeitete.
Den 24 Stunden eines Tages wollte der Kölner Komponist mit seinem Werk zum KLANG verhelfen, kam aber nur bis zur 21. Stunde, bis der Tod seinen Plan durchkreuzte. Zur möglichen Aufführung seines Zyklus äußerte er sich im August 2003 wie folgt: „Die 24 Stunden müssen nicht in einem Gebäude in 24 Räumen oder einem Museum dargestellt sein, sondern könnten auch an ganz verschiedenen Orten gleichzeitig aufgeführt werden.“ Dieser von ihm anvisierten Aufführungspraxis kommt die MusikTriennale bei der Uraufführung des kompletten Werkes an neun Spielstätten durch das Ensemble musikFabrik sowie zahlreiche Gäste nahe.
Klänge aus neuerer Zeit an einem Platz alter Zeit. Ein reizvoller, ein anregender Gegensatz, und Gelegenheit, sich in 2.000 Jahre alten römischen Gemäuern, der Heimat der alten Römer, entführen zu lassen von Neuer Musik, die sich um das Werden und Vergehen, den Charakter von Zeit und Zeiten rankt. Erdacht von einem, wenn nicht dem Wegbereiter elektronischer Musik, dem sein Schaffen den Spitznamen „Papa Techno“ eintrug und der Bands wie Can, Kraftwerk, Beatles, Frank Zappa, Pink Floyd oder Musiker wie Miles Davis, Herbie Hancock, Yoko Ono und Björk beeinflusste. Vielleicht beginnen bei der Aufführung im Praetorium die Gedanken zu kreisen: Was spürt die Musik nach? Was setzt sie voraus? Und was erzeugt sie? Ich bin gespannt, was uns dieses einzigartige „Zeit“-Konzert angesichts des fortwährenden Säbelrasselns der Historie sagen wird. Vielleicht dieses: Diese Musik zitiert uns die Zeit, die Zeit zitiert uns in die Geschichte. Der Ort in diesem Fall erst recht. Ein musikalischer Ausflug mit Folgen.













